Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt

Eine liebe Kollegin von mir aus Italien hat vor kurzem Folgendes über das Übersetzen geschrieben: „Es ist die schönste Arbeit dieser Welt. Es ist schlecht bezahlt und nicht anerkannt. Aber es erlaubt einem, dort anzukommen, wo die anderen nie ankommen werden. Du nimmst die Worte von einem anderen Menschen, die kaust du, die fühlst du und dann spuckst du sie wieder heraus. Und das Leben der anderen kommuniziert dank dir weiter.“

Diese Beschreibung fasziniert mich, weil sie auf den Punkt bringt, worin meine Arbeit besteht.

Und gerade aus diesem Grund kann ich nicht schlechte Übersetzungen wie hier auf dem Foto ignorieren.

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In der Originalversion auf Italienisch vergleicht die Dame ihr Leben ohne ihren Geliebten mit einem grausamen Tod, ihre Lebensfreude verwandelt sich in Qual und Leid. Die Worte klingen sehr leidenschaftlich wie aus der Zeit des Sturm und Drang…

 

 

Die Version auf Englisch ist im Gegensatz dazu eher im Stil der Biedermeier, kurzbündig und karg. „That life (aber welches eigentlich?) is cruel death to me without you“. Der Englisch sprechende Leser kriegt nichts von der Romantik und der Leidenschaft mit, die in der Originalversion so ausgeprägt sind.

In diesem Fall wurden die Worte vor der Übersetzung nicht gekaut und eingefühlt, sondern einfach schnell und ohne Leidenschaft verpackt! Schade!

Wittgenstein hatte Recht, als er meinte: „Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt“. Eine Übersetzerin muss auf eine Vielfalt von Worten mit jeder Nuance und Bedeutungsfeinheit zurückgreifen können, um die Welt anderer Menschen in ihre Sprache wiedergeben (über-setzen) zu können.

Wenn das fehlt, hat die Übersetzung Grenzen!

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